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Energiestoffwechsel der Brieftaube

Erschienen in Die Brieftaube, Folge 9, 2004

Eine Frage, die uns Brieftaubenzüchter schon früher beschäftigt hat und auch weiter beschäftigen wird, lautet: Welche Produkte machen als Nahrungsergänzung zur Leistungssteigerung unserer Tauben wirklich Sinn und welche nützen nicht bzw. schaden sogar?
Um der Beantwortung dieser Frage ein wenig näher zu kommen, möchte ich mich heute einmal mit dem Energiestoffwechsel der Tauben beschäftigen.
Auch wenn es beim Lesen zwischendurch unvermeidbar ein wenig wissenschaftlich wird, bitte ich Sie, einfach weiter zu lesen und dem wissenschaftlichen Sachverstand des Autors zu vertrauen. Es soll Ihnen nicht darum gehen, jedes einzelne Detail zu verstehen, sondern ich möchte Ihnen helfen, im „Produkte-Dschungel“ die Spreu vom Weizen trennen zu können.

Und um es schon einmal vorweg zu nehmen: die Energiegewinnung während des Wettfluges erfolgt bei der Brieftaube hauptsächlich aus der Fettverbrennung.

Die Stoffwechselwege zur Energiegewinnung
Die mit der Nahrung aufgenommenen Nährstoffe (Kohlenhydrate, Fette und Proteine) müssen vom Organismus gespeichert und bei Bedarf in Flugenergie umgewandelt werden. Diese für die Muskelkontraktion benötigte Energie wird ausschließlich durch Abspaltung eines Phosphatrests des ATP (Adenosintriphosphat) gewonnen. Dabei entsteht ADP (Adenosindiphosphat), welches, je nach körperlicher Belastung, auf verschiedene Weise zu ATP regeneriert wird, so dass es erneut als Energiequelle zur Verfügung steht.

Für diese Regenerierung stehen jedem Organismus im Wesentlichen vier verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, die der Muskulatur über unterschiedlich lange Zeiträume Energie liefern. Der Reihe nach, sind dies:
1. Der Abbau von Kreatinphosphat;
2. Die anaerobe Glykolyse (Kohlenhydratstoffwechsel ohne Sauerstoff)
3. Die aerobe Glykolyse (Kohlenhydratstoffwechsel mit Sauerstoff)
4. Der Fettstoffwechsel

1. Abbau von Kreatinphosphat (KP)
Kreatinphosphat ist eine sehr energiereiche Verbindung, welche in der Muskulatur gespeichert wird. Es wird synthetiesiert aus dem körpereigenen Kreatin, welches in Leber, Niere und Bauchspeicheldrüse aus den Aminosäuren Arginin, Glycin und Methionin gebildet wird. Mit Hilfe des Enzyms Kreatinkinase kann von dem sehr energiereichen Kreatinphosphat ein Phosphatrest abgespalten werden, welcher zur Regenerierung des ATP dienen kann. KP liefert je nach Belastung zwischen 5 und 10 Sekunden Energie. Daher stellt Kreatinphosphat beispielsweise für Gewichtheber und andere Schnellkraftsportler die wichtigste Energiequelle dar.

Kreatin ist als Nahrungsergänzung für Brieftauben bedeutungslos!
Auf unsere Tauben übertragen heißt das jedoch: Die Energie aus dem Abbau von Kreatinphosphat reicht gerade einmal für den Start der Tauben aus dem Kabi!
Aus diesem Grund macht die weit verbreitete Praxis, den Tauben zur Erhöhung der Leistungsfähigkeit zusätzlich Kreatin(monohydrat) zu füttern, keinen Sinn.
Im Gegenteil; die Taube muss die für sie überschüssige Substanz aktiv aus dem Organismus entfernen und belastet dadurch sogar den Stoffwechsel.

Die Glykolyse
Bei länger andauernder Muskelarbeit erfolgt die Regenerierung des ATP durch den Abbau von Glucose (Traubenzucker). Diese wird in Form von Glykogen in Leber und Muskulatur gespeichert. Während das Leberglykogen hauptsächlich für die Aufrechterhaltung des Blutzuckerspiegels und die Versorgung der Nervenzellen verantwortlich ist, kann das Muskelglykogen für die Energiebereitstellung genutzt werden. Hierfür wird es in die stoffwechselaktive Form Glucose-6-phosphat und über mehrere Stoffwechselvorgänge (Glykolyse) zu Brenztraubensäure (Pyrovat) abgebaut. Danach unterscheidet man zwei Vorgänge:

2. Glucosestoffwechsel ohne Sauerstoff (anaerobe Glykolyse)
Bei einer Muskelanspannung zwischen ca. 20 und 90 Sekunden erfolgt die ATP-Gewinnung hauptsächlich aus der sog. anaeroben Glykolyse. Dabei wird die Glucose zu Milchsäure (Laktat) abgebaut. Bei dieser Reaktion entsteht ein Energiegewinn von 2 Einheiten ATP. Die steigende Milchsäurekonzentration im Blut schränkt diesen Stoffwechselweg dadurch ein, daß bestimmte, für die Muskelarbeit wichtige Enzyme gehemmt werden. Die Folge ist, dass der Muskel ermüdet und schmerzt.

3. Glucosestoffwechsel mit Sauerstoff (aerobe Glykolyse)
Nach ca. 2 Minuten Belastung setzt bei Tauben in den Mitochondrien die sog. aerobe Glykolyse ein, d.h. für die Verstoffwechslung der Glucose wird jetzt Sauerstoff benötigt. Der Zucker wird umgewandelt in Acetyl-CoA, welches im sogenannten Citratzyclus vollständig verbrannt (oxidiert) wird. Diese Oxidations-Reaktion liefert 19 x mehr Energie als die oben beschriebene anaerobe Glykolyse, nämlich 38 Einheiten ATP und ist somit sehr effektiv für den Energiestoffwechsel. Die Glykogenreserven des Muskels sind jedoch zum Einen durch die Belastung während des Taubentransportes reduziert, zum Anderen werden diese auch bei Langzeitbelastung niemals vollständig aufgebraucht. Nach ca. 15 - 30 Minuten Flugzeit werden sie nicht mehr zur Energiegewinnung genutzt.

4. Fettverbrennung (Lipolyse)
Sind die Glykogenreserven des Körpers erschöpft, setzt die Fettverbrennung ein.
Der Energiegehalt von Fett ist etwa doppelt so hoch wie der der gleichen Menge Kohlenhydrate oder Eiweiß. Insofern ist es für die Taube sehr viel wirtschaftlicher, die für den Flug benötigte Energie in Form von Fett zu speichern, denn sie muss im Vergleich zu anderen möglichen Speicherformen weniger Gewicht transportieren. Da Fett, wie die Kohlenhydrate auch, über den Citratzyklus verstoffwechselt wird, ist für diese Reaktion ebenfalls Sauerstoff notwendig. Die Oxidation der Fettsäuren liefert 148 Einheiten ATP, also fast viermal soviel Energie wie die Verbrennung von Kohlenhydraten. Dementsprechend benötigt sie dazu auch mehr Sauerstoff. Es ist daher leicht zu verstehen, dass die Leistungsfähigkeit der Taube umso höher ist, je mehr Sauerstoff der Taube während der Belastung in der Zelle zur Verfügung steht. Je schneller der Sauerstoff vom Blut von den Lungen zu den Muskelzellen transportiert werden kann, umso leistungsfähiger wird die Taube sein.
Bereits im Ruhezustand verbraucht die Taube ca. 5mal soviel Sauerstoff wie der Mensch. Diesen Anforderungen entsprechend verfügen die Tauben über ein äußerst leistungsfähiges Atmungs- und Kreislaufsystem (Luftsacksystem, sehr großes Herz).
Dadurch ist die Taube in der Lage, den Sauerstoff aus der eingeatmeten Luft optimal zu verwerten und das Blut, im Gegensatz zum Menschen, nahezu immer (auch in Höhen um 8.000 m) zu 100 % mit Sauerstoff zu sättigen.

Organisch gebundenes Eisen erhöht die Sauerstoffaufnahme
Hämoglobin bindet den Sauerstoff und verteilt ihn über den Blutkreislauf an die stoffwechselaktiven Organe im Körper. Eine wirklich wesentliche Steigerung der Leistung von Brieftauben kann demnach durch eine Erhöhung des Hämoglobingehaltes im Blut erreicht werden.
Durch die Verabreichung von organisch gebundenem, sog. aktivem Eisen, welches die Bindungsplätze für den Sauerstoff im Hämoglobin bildet, wird der Hämoglobingehalt des Blutes erhöht und somit der Transport des Sauerstoffs zur Zelle (Mitochondrien) beschleunigt. Damit wird auch die Leistungsfähigkeit erhöht. Bei entsprechender Energiezuführung steigt zunächst die Trainingsleistung. Eine erhöhte Trainingsleistung wiederum führt zu einer höheren Stoffwechselrate und damit zu einem noch höheren Energiebedarf. Wird dies bei der Fütterung mit berücksichtigt, steigt die Leistung beim Wettflug.

Vergleich Kraftsportler – Ausdauersportler - Taube
An dieser Stelle möchte ich einfügen, dass der Mensch seine Energie hauptsächlich (ca. 2 – 3 Stunden Belastung) aus dem Kohlehydrat-Stoffwechsel bezieht.

Kraftsportler
Eine Nahrungsergänzung, die z. B. zur Leistungssteigerung von Kraftsportlern oder Schnellkraftsportlern entwickelt wurde, kann, wie oben bereits erwähnt, nicht einfach 1:1 aus dem Humanbereich in den Taubenbereich übernommen werden, da sich die Stoffwechselwege zur Energiegewinnung deutlich unterscheiden. Das Ziel der Leistungssteigerung bei Brieftauben wird durch die zusätzliche Belastung des Organismus in der Regel verfehlt werden, auch wenn es den Tauben nicht immer schadet.

Ausdauersportler
Etwas anders sieht es aus, wenn wir uns Ernährungspläne von Ausdauersportlern, wie Marathonläufern, Triathleten oder beispielsweise Radrennfahrern ansehen. Deren Nahrungsergänzung orientiert sich an der Energiegewinnung aus dem Fettstoffwechsel und enthält demnach Substanzen, die dem Fettstoffwechsel förderlich sind sowie auch Vitamine, Mineralien oder Spurenelemente in etwas anderen Konzentrationen.

Brieftauben sind Ausdauersportler
Die Fettverbrennung als primäre Energiequelle weist unsere Tauben als Ausdauersportler aus. Sie benötigen demnach nicht nur essentielle Fettsäuren aus einem entsprechend fettreichen Futter, sondern auch Mineralien, Vitamine und Spurenelemente im richtigen Verhältnis, eben abgestimmt auf diesen Fettstoffwechsel.
Da der Fettstoffwechsel von gänzlich anderen Enzymen katalysiert wird als der Kohlehydratstoffwechsel, werden selbstverständlich auch andere Coenzyme benötigt. Dies betrifft neben den Vitaminen insbesondere Mineralstoffe und Spurenelemente, die als Coenzyme für biochemische Prozesse fungieren. Da eine Taube, im Gegensatz zum Menschen, auch nicht schwitzt, also auf diesem Wege keine Mineralien ausgeschieden werden, werden diese in geringeren Konzentrationen benötigt.
Berücksichtigt eine Nahrungsergänzung für Brieftauben dieses Wissen nicht ausreichend, wird besonders die Leber der Taube unnötig belastet. Wir müssen demnach den tatsächlichen Bedarf der Taube beim Wettflug kennen, um nicht zusätzliche Stoffwechselarbeit leisten und überschüssige Stoffe aktiv aus dem Körper transportieren zu müssen.

5. Protein als Energiequelle
Neuere Erkenntnisse scheinen zu beweisen, dass Tauben ihre Flugenergie jedoch nicht ausschließlich aus Fetten gewinnen. Danach decken Brieftauben zu ca. 10 % ihres Energiebedarfs aus Proteinreserven, die wohl im Wesentlichen aus dem Abbau von Muskulatur resultiert. Damit wäre zu erklären, dass entsprechend vorbereitete Tauben auch nach einem Langstreckenflug (bei Flugzeiten von mehr als 22 Stunden) ihre Fettreserven nicht vollständig aufgebraucht haben.
Um das verbrauchte körpereigene Eiweiß möglichst schnell wieder zu ersetzen, muss sich die Fütterung nach dem Flug an der Flugdauer orientieren. Da der Muskelaufbau die meiste Zeit benötigt, sollte den Tauben nach anstrengenden Flügen zur Regenerierung bereits ein Tag nach dem Flug ein hoch konzentriertes Eiweißpräparat mit essentiellen Aminosäuren zugefüttert werden. Solch ein Eiweiß-Präparat muss jedoch nach seiner „Biologischen Wertigkeit“ beurteilt und angewendet werden. Diese beschreibt den Prozentsatz aufgebauter Körpersubstanz aus dem zugeführten Eiweiß. Durch eine geschickte Kombination verschiedener Eiweißquellen kann sogar eine biologische Wertigkeit von über 100 % erreicht werden. Die Taube kann solch ein Produkt also sehr gut verwerten und muss keine zusätzliche Energie für das Ausscheiden überschüssiger Substanzen aufwenden.

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