
Veröffentlichung in der Zeitschrift "Die Brieftaube".
Probiotika bieten eine natürliche Möglichkeit, die Tauben ohne den
Einsatz von Antibiotika gesund zu halten.
Wir verlangen unseren Tauben Höchstleistungen ab, die mit denen von
Hochleistungssportlern zu vergleichen sind. Im Folgenden möchte ich Ihnen
einmal verdeutlichen, wie wichtig eine intakte Darmflora für unsere Tauben
als Voraussetzung für Gesundheit nicht nur während der Reisezeit ist.
Darüber hinaus werde ich über empirische Ergebnisse berichten, wie Sie
als Züchter „probiotische Bakterien“ zur natürlichen Leistungssteigerung
nutzen sowie zur Vorbeugung gegen die Jungtaubenkrankheit gezielt einsetzen
können.
Probiotische Bakterien
Über Jahrmillionen hinweg haben sich verschiedene Bakterienkulturen mit
warmblütigen Tieren zu einem geschlossenen System gegenseitigen Nutzens
entwickelt. In Form optimaler Wachstumstemperatur, konstanter Zufuhr von
Nährstoffen und essentiellen Substanzen erhalten Bakterien von dem
tierischen Organismus den optimalen Lebensraum für ihr Wachstum.
Die Tiere erhalten als Gegenleistung von den Bakterien Hilfe bei den
Verdauungsprozessen. Sie erzeugen essentielle Nährstoffe wie z. B. Vitamine,
stabilisieren die natürliche Darmflora, stärken das Immunsystem und wirken
im Falle unserer Brieftauben vorbeugend gegen krankheitserregende Bakterien
wie z. B. Kokzidien, Hexamiten, E. coli, Candida und Salmonellen; gerade
also gegen das Spektrum an Bakterienarten, die für die zur Zeit so intensiv
diskutierte Jungtaubenkrankheit mitverantwortlich sind.
Was sind Probiotische Bakterien?
Mikroorganismen, die man im Darm nicht gestresster, gesunder Tiere
findet, nennt man probiotische Bakterien. Dazu gehören z. B. die Ihnen allen
bekannten Milchsäurebakterien, die in Joghurt oder in anderen Milchprodukten
zu finden sind. Eine Reihe wissenschaftlicher Studien hat gezeigt, dass
solche Bakterienkulturen krankheitserregende Bakterien kontrollieren und aus
dem Darm verdrängen können.
Natürliches Gleichgewicht
Dort wo die Tauben nicht gestresst, ausgewogen und ohne Medikamente
ernährt, in einer sauberen Umwelt leben, befinden sich Taubenkörper und die
Darmbakterienpopulation in einem idealen, gesunden Gleichgewicht. In diesem
Idealzustand ist sowohl eine optimale Nahrungsverwertung als auch eine
natürlichen Resistenz gegen krankmachende Organismen gegeben.
Diese Bedingungen sind jedoch in aller Regel nicht die, unter denen unsere
Brieftauben (auch nicht in der Ruheperiode) leben. Selbst in den besten
Reiseschlägen, unter bestem Management, sind unsere Tauben den
verschiedensten Stresssituationen ausgesetzt.
Störungen des natürlichen Gleichgewichts
Zahlreiche von Außen auf die Taube einwirkende Veränderungen können diese
positive, gegenseitig nützende Beziehung zur Darmbakterienpopulation aus dem
Gleichgewicht bringen. Besonders Stress, Futterumstellung oder
Antibiotikatherapien führen sehr schnell zu Veränderungen des natürlichen
Gleichgewichts und haben so unmittelbar Auswirkungen auf die Gesundheit.
Studien haben gezeigt, dass besonders Stress die natürliche Darmflora sehr
schnell zerstört. Die Nahrung wird nicht mehr optimal verwertet, das
Immunsystem wird geschwächt und die Taube verliert die Fähigkeit, sich gegen
Darmkrankheiten zu schützen.
Wirkungsweise von Probiotischen Bakterien
Nützliche Bakterien produzieren Milchsäure, Hydrogenperoxide, natürliche
Antibiotika sowie einige andere Wirksubstanzen, mit deren Hilfe im Darm
vorhandene krankmachende Keime, meist E. coli, Hefebakterien oder
Salmonellen, unter Kontrolle gehalten werden. Diese Mikro-organismen sind
meist latent im Taubenorganismus vorhanden und warten nur auf die
Möglichkeit, bei auftretendem Stress als Krankheit auszubrechen.
Der pH-Wert im Dünndarm gesunder Tauben beträgt ca. 6,5 und ist damit
leicht sauer. (Im Kropf liegt der ph-Wert bei ca. 4,5, im Magen bei ca.
2,5). Bei E. coliInfektionen wechselt er ins Alkalische. Darum besitzt auch
die traditionelle Praxis, dem Trinkwasser kontrollierte Mengen Apfelessig
(Essigsäure) zuzusetzen, einen vorbeugenden Effekt gegen solche Infektionen.
Neben der Regulation des pH-Wertes im Darm besitzen Probiotika eine Reihe
weiterer positiver Eigenschaften für die Taube. Sie produzieren u.a.
schützende Schleime und besetzen entscheidende Rezeptoren in der Darmwand,
so dass krankheitserregende Keime keinen Platz finden, sich einzunisten.
Probiotika bieten damit eine effektive, natürliche Möglichkeit, die Tauben
ohne den Einsatz von Antibiotika gesund zu halten.
Welche Probiotika eignen sich zur Gesunderhaltung von
Brieftauben?
Die Darmflora ist für verschiedene Wirbeltiere spezifisch. D.h.,
probiotische Produkte, die für den Menschen geeignet sind, sind nicht
zwangsläufig auch für Tauben gut. Unspezifische Milchprodukte wie z. B. der
gerne über das Futter verabreichte Joghurt sind genau aus diesem Grund als
Nahrungsergänzung für Brieftauben nur bedingt geeignet.
Entweder überstehen die darin enthaltenen Lactobacillen die aggressive
Magensäure nicht
oder sie sind nicht in der Lage, den Darm der Taube aktiv zu besiedeln; sie
werden mit den Exkrementen (Kot) wieder ausgeschieden.
Moderne Technologien machen es heute möglich, für verschiedene Tierarten
spezifische Bakterien mit genau diesen Siedlungseigenschaften herzustellen.
Studien zeigen, dass die besten Ergebnisse bei Brieftauben mit einer
spezifischen Kombination von Lactobacillen und Enterococcen erreicht werden.
Was ist das Besondere an Probiotischen Bakterien?
Zwei entscheidende Eigenschaften zeichnen die in einigen Probiotika
enthaltenen Bakterienkulturen besonders aus: 1.) Säureresistenz und 2.) die
Fähigkeit, sich im Dünndarm der Taube, der im Gegensatz zum menschlichen
Dünndarm nur wenige cm lang ist, aktiv zu besiedeln. Untersuchungen zeigen,
dass ihre Anwesenheit darüber hinaus die Ansiedlung weiterer nützlicher
Bakterien im Darm fördert und auf diese Weise schnell und schonend die
natürliche Darmflora regeneriert. Um die oben beschriebenen Effekte zu
erreichen, ist eine regelmäßige Verabreichung sowie eine entsprechend hohe
Dosierung von entscheidender Bedeutung.
Ein Gramm eines guten Produkts sollte mindestens 1 Milliarde
lebensfähiger, koloniebildender Bakterien enthalten. Bei einer Dosierung von
5g pro 1 kg Futter für 25 Tauben würde jedes einzelne Tier entsprechen mehr
als 200 Millionen nützlicher Bakterien erhalten.
Probiotische Bakterien besitzen einen appetitanregenden
Effekt.
Darüber hinaus ist bekannt, dass sie eine Reihe von wirksamen Darmenzymen
und Vitaminen produzieren. Dies verhilft der Brieftaube, das Maximum an
Nährstoffen aus der Nahrung aufzunehmen. Das heißt, die Futterverwertung
wird verbessert, was während der Reisezeit zur Steigerung der
Energiereserven ausgenutzt werden kann.
Allgemeine Leistungssteigerung durch Probiotische
Bakterien.
Sportmedizinische Untersuchungen an Hochleistungssportlern haben gezeigt,
dass die regelmäßig Einnahme von Probiotika zu Leistungssteigerungen,
insbesondere der Ausdauerleistung, führt. Probiotika sind daher aus der
modernen Nahrungsergänzung speziell von Radrennfahrern, Marathonläufern und
Triathleten nicht mehr wegzudenken. Auch in den Bereichen der Sportpferde-
und Hundezucht sowie der modernen Landwirtschaft werden insbesondere durch
die verbesserte Futterverwertung Leistungssteigerungen durch probiotische
Bakterien erzielt.
Leistungssteigerung bei Brieftauben.
Bereits der Transport zum Auflassort birgt die Gefahr von Infektionen.
Besonders aber der Wettflug selbst stellt für die Brieftauben eine enorme
Stresssituation dar, wodurch, wie beschrieben, die natürliche Darmflora in
Mitleidenschaft gezogen wird. Dies ist am deutlichsten zu sehen am Kot nach
dem Flug. Nach einem schweren Flug kann es zwischen 24 und 48 Stunden
dauern, bis sich der abgesetzte Kot wieder vollkommen normalisiert hat. Es
ist daher zu empfehlen, den Tauben bereits am Rückkehrtag probiotische
Bakterien zu verabreichen. Der Kot ist dann schon am nächsten Morgen wieder
fest gebunden, braun und die Daunenmauser hat bereits wieder eingesetzt.
Probiotische Bakterien lassen sich problemlos mit Elektrolyten, Vitaminen
oder Aminosäuren kombinieren und stellen daher die ideale Nahrungsergänzung
für unsere Tauben nach dem Flug dar.
Besonders aber den Sportfreunden, die während der Reisezeit nach dem Flug
Antibiotika und Chemotherapeutika einsetzen, um einer möglichen Infektion
während des Aufenthalts im Kabinenexpress vorzubeugen, ist zu empfehlen,
unmittelbar danach 1-2 Tage mit probiotischen Bakterien nachzubehandeln, um
die zerstörte Darmflora schnellstmöglichst wieder aufzubauen.
Breitbandantibiotika töten zwar schnell vorhandene krankmachende Erreger ab,
aber eben auch die gesunde Darmflora. Daher sollte nach der Behandlung mit
Antibiotika ein solches Produkt grundsätzlich über mehrere Tage verabreicht
werden.
Einige Züchter, die während der Reise regelmäßig probiotische Bakterien
einsetzten und auf jegliche Gabe von Antibiotika verzichteten, waren meines
Wissens nach 2002 in den Meisterschaften auf Verbandsebene in der Spitze
platziert.
Bei Untersuchungen von Tauben während der Reisezeit konnten weder
Trichomonaden noch Darmschmarotzer festgestellt werden und die Tauben
befanden sich über die gesamte Reisesaison in einem hervorragenden
Trainingszustand.
Weitere Einsatzgebiete:
Aufgrund der beschriebenen Eigenschaften ist der Einsatz von Probiotika
immer dann sinnvoll, wenn wir den Tauben zusätzliche besondere Leistung
abverlangen.
A. Mauser
Während der Mauser ist eine gesunde Darmflora Voraussetzung für eine gute
Futterverwertung und damit für eine makellose Federentwicklung. Gerade jetzt
sind die Tauben besonders anfällig für Krankheiten. Ein erstes Zeichen ist
oft dünner Kot. Speziell Paratyphus (Salmonellen), den sehr viele
Taubenstämme latent tragen, bricht gerne in der feucht/kalten Jahreszeit
aus.
Um Federschäden zu vermeiden, soll während der Mauserzeit möglichst auf den
Einsatz von Antibiotika und Chemotherapeutika verzichtet werden. Darum
eignen sich probiotische Bakterien besonders jetzt, Darm und Immunsystem auf
natürliche Weise im Gleichgewicht zu halten. Regelmäßig verabreicht,
regulieren sie die Darmaktivität und führen zu einer Verbesserung der
Futterverwertung. Das Immunsystem wird so auf ganz natürliche Weise gestärkt
und krankheitserregende Keime erhalten, wie schon erwähnt, keine Chance,
sich im Darm einzunisten und zu vermehren.
B. Ruheperiode / Winter
Während der Ruhephase im Winter steht die vorgeschriebene Impfung gegen
Paramyxovirose an. Zumeist wird auch gegen Pocken und immer öfter auch gegen
Paratyphus geimpft. Die Impfprozedur an sich stellt schon eine Belastung für
das Immunsystem der Taube dar. Es sollte selbstverständlich sein, daß die
Tauben zum Impfzeitpunkt immer in einer hervorragenden körperlichen
Verfassung sind. Oft werden auch vor der Impfung 7-10-tägige Kuren mit
Antibiotika durchgeführt, die jedoch die bereits beschriebene unangenehme
Nebenwirkung besitzen, auch die gesunde Darmflora zu zerstören. Probiotische
Bakterien eignen sich hervorragend, dem Organismus der Taube die
Impfreaktion zu erleichtern und die angegriffene Darmflora schnell wieder zu
regenerieren.
C. Zuchtphase
Die aus dem Ei schlüpfende Jungtaube besitzt ein nur sehr schwach
ausgeprägtes Immunsystem. Alles, was sie zum Schutz gegen äußere Einflüsse
benötigt, bekommt sie mit dem Kropfschleim von ihren Eltern. Bis das
Immunsystem der Jungtaube vollständig ausgeprägt ist, dauert es mehrere
Monate. Daher sollten den Zuchttauben regelmäßig probiotische Bakterien
verabreichen werden, sobald der Kropfschleim abgefüttert und die Nahrung der
Jungtauben auf Körner umgestellt ist. So bekommen die Jungtiere bereits von
klein auf die für sie so wichtigen nützlichen Bakterien, die ihnen ein
natürliches, widerstandsfähiges Wachstum ermöglichen.
Probiotische Bakterien zur Vorbeugung gegen die
Jungtaubenkrankheit.
Das fehlende oder noch sehr schwach ausgeprägte Immunsystem unserer
Jungtauben ist zweifelsfrei der entscheidende Grund für den Ausbruch der
gerade so sehr diskutierten Jungtaubenkrankheit. Ob zusätzlich durch Stress,
mangelnde Hygiene oder andere Faktoren verstärkt, ist dabei zunächst
zweitrangig. Ordentliche hygienische Schlagverhältnissen zu schaffen, sollte
für jeden Züchter eine Selbstverständlichkeit sein. Jeder Züchter ist selbst
gefragt, die richtigen und sinnvollen prophylaktische Maßnahmen zu
ergreifen, um bereits vor Ausbruch dieser Krankheit zur Stabilisierung der
Darmflora und damit zur Stärkung des natürlichen Immunsystems beizutragen.
Die regelmäßige Anwendung von probiotischen Bakterien lässt Darmparasiten
gar nicht erst die Möglichkeit, sich ausbreiten und vermehren zu können. Auf
keinem mir bekannter Schläge ist die Jungtaubenkrankheit ausgebrochen,
obwohl in der direkten Umgebung bis zu 80 % der Züchter davon betroffen
waren. Statistisch gesehen mag dies zwar nicht repräsentativ sein, aber
sicher auch kaum nur Zufall.