Gesundheit kommt vom Darm

von Dr. Hans–Peter Brockamp

Probiotika bieten eine natürliche Möglichkeit, die Tauben ohne den Einsatz von Antibiotika gesund zu halten.

Wir verlangen unseren Tauben Höchstleistungen ab, die mit denen von Hochleistungssportlern zu vergleichen sind. Im Folgenden möchte ich Ihnen einmal verdeutlichen, wie wichtig eine intakte Darmflora für unsere Tauben als Voraussetzung für Gesundheit nicht nur während der Reisezeit ist.

Darüber hinaus werde ich über empirische Ergebnisse berichten, wie Sie als Züchter „probiotische Bakterien“ zur natürlichen Leistungssteigerung nutzen sowie zur Vorbeugung gegen die Jungtaubenkrankheit gezielt einsetzen können.

Probiotische Bakterien

Über Jahrmillionen hinweg haben sich verschiedene Bakterienkulturen mit warmblütigen Tieren zu einem geschlossenen System gegenseitigen Nutzens entwickelt. In Form optimaler Wachstumstemperatur, konstanter Zufuhr von Nährstoffen und essentiellen Substanzen erhalten Bakterien von dem tierischen Organismus den optimalen Lebensraum für ihr Wachstum.
Die Tiere erhalten als Gegenleistung von den Bakterien Hilfe bei den Verdauungsprozessen. Sie erzeugen essentielle Nährstoffe wie z. B. Vitamine, stabilisieren die natürliche Darmflora, stärken das Immunsystem und wirken im Falle unserer Brieftauben vorbeugend gegen krankheitserregende Bakterien wie z. B. Kokzidien, Hexamiten, E. coli, Candida und Salmonellen; gerade also gegen das Spektrum an Bakterienarten, die für die zur Zeit so intensiv diskutierte Jungtaubenkrankheit mitverantwortlich sind.

Was sind Probiotische Bakterien?

Mikroorganismen, die man im Darm nicht gestresster, gesunder Tiere findet, nennt man probiotische Bakterien. Dazu gehören z. B. die Ihnen allen bekannten Milchsäurebakterien, die in Joghurt oder in anderen Milchprodukten zu finden sind. Eine Reihe wissenschaftlicher Studien hat gezeigt, dass solche Bakterienkulturen krankheitserregende Bakterien kontrollieren und aus dem Darm verdrängen können.

Natürliches Gleichgewicht

Dort wo die Tauben nicht gestresst, ausgewogen und ohne Medikamente ernährt, in einer sauberen Umwelt leben, befinden sich Taubenkörper und die Darmbakterien-population in einem idealen, gesunden Gleichgewicht. In diesem Idealzustand ist sowohl eine optimale Nahrungsverwertung als auch eine natürlichen Resistenz gegen krankmachende Organismen gegeben.
Diese Bedingungen sind jedoch in aller Regel nicht die, unter denen unsere Brieftauben (auch nicht in der Ruheperiode) leben. Selbst in den besten Reiseschlägen, unter bestem Management, sind unsere Tauben den verschiedensten Stresssituationen ausgesetzt.

Störungen des natürlichen Gleichgewichts

Zahlreiche von Außen auf die Taube einwirkende Veränderungen können diese positive, gegenseitig nützende Beziehung zur Darmbakterienpopulation aus dem Gleichgewicht bringen. Besonders Stress, Futterumstellung oder Antibiotikatherapien führen sehr schnell zu Veränderungen des natürlichen Gleichgewichts und haben so unmittelbar Auswirkungen auf die Gesundheit. Studien haben gezeigt, dass besonders Stress die natürliche Darmflora sehr schnell zerstört. Die Nahrung wird nicht mehr optimal verwertet, das Immunsystem wird geschwächt und die Taube verliert die Fähigkeit, sich gegen Darmkrankheiten zu schützen.


Wirkungsweise von Probiotischen Bakterien (Probac)

Nützliche Bakterien produzieren Milchsäure, Hydrogenperoxide, natürliche Antibiotika sowie einige andere Wirksubstanzen, mit deren Hilfe im Darm vorhandene krankmachende Keime, meist E. coli, Hefebakterien oder Salmonellen, unter Kontrolle gehalten werden. Diese Mikroorganismen sind meist latent im Taubenorganismus vorhanden und warten nur auf die Möglichkeit, bei auftretendem Stress als Krankheit auszubrechen.
Der pH-Wert im Dünndarm gesunder Tauben beträgt ca. 6,5 und ist damit leicht sauer. (Im Kropf liegt der ph-Wert bei ca. 4,5, im Magen bei ca. 2,5). Bei E. coli-Infektionen wechselt er ins Alkalische. Darum besitzt auch die traditionelle Praxis, dem Trinkwasser kontrollierte Mengen Apfelessig (Essigsäure) zuzusetzen, einen vorbeugenden Effekt gegen solche Infektionen.
Neben der Regulation des pH-Wertes im Darm besitzen Probiotika eine Reihe weiterer positiver Eigenschaften für die Taube. Sie produzieren u.a. schützende Schleime und besetzen entscheidende Rezeptoren in der Darmwand, so dass krankheitserregende Keime keinen Platz finden, sich einzunisten.
Probiotika bieten damit eine effektive, natürliche Möglichkeit, die Tauben ohne den Einsatz von Antibiotika gesund zu halten.

Welche Probiotika eignen sich zur Gesunderhaltung von Brieftauben?

Die Darmflora ist für verschiedene Wirbeltiere spezifisch. D.h., probiotische Produkte, die für den Menschen geeignet sind, sind nicht zwangsläufig auch für Tauben gut. Unspezifische Milchprodukte wie z. B. der gerne über das Futter verabreichte Joghurt sind genau aus diesem Grund als Nahrungsergänzung für Brieftauben nur bedingt geeignet.
Entweder überstehen die darin enthaltenen Lactobacillen die aggressive Magensäure nicht oder sie sind nicht in der Lage, den Darm der Taube aktiv zu besiedeln; sie werden mit den Exkrementen (Kot) wieder ausgeschieden.
Moderne Technologien machen es heute möglich, für verschiedene Tierarten spezifische Bakterien mit genau diesen Siedlungseigenschaften herzustellen. Studien zeigen, dass die besten Ergebnisse bei Brieftauben mit einer spezifischen Kombination von Lactobacillen und Enterococcen erreicht werden.

Was ist das Besondere an Probiotischen Bakterien?

Zwei entscheidende Eigenschaften zeichnen die in einigen Probiotika enthaltenen Bakterienkulturen besonders aus: 1.) Säureresistenz und 2.) die Fähigkeit, sich im Dünndarm der Taube, der im Gegensatz zum menschlichen Dünndarm nur wenige cm lang ist, aktiv zu besiedeln. Untersuchungen zeigen, dass ihre Anwesenheit darüber hinaus die Ansiedlung weiterer nützlicher Bakterien im Darm fördert und auf diese Weise schnell und schonend die natürliche Darmflora regeneriert.
Um die oben beschriebenen Effekte zu erreichen, ist eine regelmäßige Verabreichung sowie eine entsprechend hohe Dosierung von entscheidender Bedeutung.
Ein Gramm eines guten Produkts sollte mindestens 1 Millarde lebensfähiger, koloniebildender Bakterien enthalten. Bei einer Dosierung von 5g pro 1 kg Futter für 25 Tauben würde jedes einzelne Tier entsprechen mehr als 200 Millionen nützlicher Bakterien erhalten.

Probiotische Bakterien besitzen einen appetitanregenden Effekt.

Darüber hinaus ist bekannt, dass sie eine Reihe von wirksamen Darmenzymen und Vitaminen produzieren. Dies verhilft der Brieftaube, das Maximum an Nährstoffen aus der Nahrung aufzunehmen. Das heißt, die Futterverwertung wird verbessert, was während der Reisezeit zur Steigerung der Energiereserven ausgenutzt werden kann.

Allgemeine Leistungssteigerung durch Probiotische Bakterien.

Sportmedizinische Untersuchungen an Hochleistungssportlern haben gezeigt, dass die regelmäßig Einnahme von Probiotika zu Leistungssteigerungen, insbesondere der Ausdauerleistung, führt. Probiotika sind daher aus der modernen Nahrungsergänzung speziell von Radrennfahrern, Marathonläufern und Triathleten nicht mehr wegzudenken. Auch in den Bereichen der Sportpferde- und Hundezucht sowie der modernen Landwirtschaft werden insbesondere durch die verbesserte Futterverwertung Leistungssteigerungen durch probiotische Bakterien erzielt.

Leistungssteigerung bei Brieftauben.

Bereits der Transport zum Auflassort birgt die Gefahr von Infektionen. Besonders aber der Wettflug selbst stellt für die Brieftauben eine enorme Stresssituation dar, wodurch, wie beschrieben, die natürliche Darmflora in Mitleidenschaft gezogen wird. Dies ist am deutlichsten zu sehen am Kot nach dem Flug. Nach einem schweren Flug kann es zwischen 24 und 48 Stunden dauern, bis sich der abgesetzte Kot wieder vollkommen normalisiert hat. Es ist daher zu empfehlen, den Tauben bereits am Rückkehrtag probiotische Bakterien zu verabreichen. Der Kot ist dann schon am nächsten Morgen wieder fest gebunden, braun und die Daunenmauser hat bereits wieder eingesetzt. Probiotische Bakterien lassen sich problemlos mit Elektrolyten, Vitaminen oder Aminosäuren kombinieren und stellen daher die ideale Nahrungsergänzung für unsere Tauben nach dem Flug dar.
Besonders aber den Sportfreunden, die während der Reisezeit nach dem Flug Antibiotika und Chemotherapeutika einsetzen, um einer möglichen Infektion während des Aufenthalts im Kabinenexpress vorzubeugen, ist zu empfehlen, unmittelbar danach 1-2 Tage mit probiotischen Bakterien nachzubehandeln, um die zerstörte Darmflora schnellstmöglichst wieder aufzubauen. Breitbandantibiotika töten zwar schnell vorhandene krankmachende Erreger ab, aber eben auch die gesunde Darmflora. Daher sollte nach der Behandlung mit Antibiotika ein solches Produkt grundsätzlich über mehrere Tage verabreicht werden.
Einige Züchter, die während der Reise regelmäßig probiotische Bakterien einsetzten und auf jegliche Gabe von Antibiotika verzichteten, waren meines Wissens nach 2002 in den Meisterschaften auf Verbandsebene in der Spitze platziert.
Bei Untersuchungen von Tauben während der Reisezeit konnten weder Trichomonaden noch Darmschmarotzer festgestellt werden und die Tauben befanden sich über die gesamte Reisesaison in einem hervorragenden Trainingszustand.

Weitere Einsatzgebiete:

Aufgrund der beschriebenen Eigenschaften ist der Einsatz von Probiotika immer dann sinnvoll, wenn wir den Tauben zusätzliche besondere Leistung abverlangen.

A. Mauser

Während der Mauser ist eine gesunde Darmflora Voraussetzung für eine gute Futterverwertung und damit für eine makellose Federentwicklung. Gerade jetzt sind die Tauben besonders anfällig für Krankheiten. Ein erstes Zeichen ist oft dünner Kot. Speziell Paratyphus (Salmonellen), den sehr viele Taubenstämme latent tragen, bricht gerne in der feucht/kalten Jahreszeit aus.
Um Federschäden zu vermeiden, soll während der Mauserzeit möglichst auf den Einsatz von Antibiotika und Chemotherapeutika verzichtet werden. Darum eignen sich probiotische Bakterien besonders jetzt, Darm und Immunsystem auf natürliche Weise im Gleichgewicht zu halten. Regelmäßig verabreicht, regulieren sie die Darmaktivität und führen zu einer Verbesserung der Futterverwertung. Das Immunsystem wird so auf ganz natürliche Weise gestärkt und krankheitserregende Keime erhalten, wie schon erwähnt, keine Chance, sich im Darm einzunisten und zu vermehren.

B. Ruheperiode / Winter

Während der Ruhephase im Winter steht die vorgeschriebene Impfung gegen Paramyxovirose an. Zumeist wird auch gegen Pocken und immer öfter auch gegen Paratyphus geimpft. Die Impfprozedur an sich stellt schon eine Belastung für das Immunsystem der Taube dar. Es sollte selbstverständlich sein, daß die Tauben zum Impfzeitpunkt immer in einer hervorragenden körperlichen Verfassung sind. Oft werden auch vor der Impfung 7-10-tägige Kuren mit Antibiotika durchgeführt, die jedoch die bereits beschriebene unangenehme Nebenwirkung besitzen, auch die gesunde Darmflora zu zerstören. Probiotische Bakterien eignen sich hervorragend, dem Organismus der Taube die Impfreaktion zu erleichtern und die angegriffene Darmflora schnell wieder zu regenerieren.

C. Zuchtphase

Die aus dem Ei schlüpfende Jungtaube besitzt ein nur sehr schwach ausgeprägtes Immunsystem. Alles, was sie zum Schutz gegen äußere Einflüsse benötigt, bekommt sie mit dem Kropfschleim von ihren Eltern. Bis das Immunsystem der Jungtaube vollständig ausgeprägt ist, dauert es mehrere Monate. Daher sollten den Zuchttauben regelmäßig probiotische Bakterien verabreichen werden, sobald der Kropfschleim abgefüttert und die Nahrung der Jungtauben auf Körner umgestellt ist. So bekommen die Jungtiere bereits von klein auf die für sie so wichtigen nützlichen Bakterien, die ihnen ein natürliches, widerstandsfähiges Wachstum ermöglichen.

Probiotische Bakterien zur Vorbeugung gegen die Jungtaubenkrankheit.

Das fehlende oder noch sehr schwach ausgeprägte Immunsystem unserer Jungtauben ist zweifelsfrei der entscheidende Grund für den Ausbruch der gerade so sehr diskutierten Jungtaubenkrankheit. Ob zusätzlich durch Stress, mangelnde Hygiene oder andere Faktoren verstärkt, ist dabei zunächst zweitrangig. Ordentliche hygienische Schlagverhältnissen zu schaffen, sollte für jeden Züchter eine Selbstverständlichkeit sein. Jeder Züchter ist selbst gefragt, die richtigen und sinnvollen prophylaktische Maßnahmen zu ergreifen, um bereits vor Ausbruch dieser Krankheit zur Stabilisierung der Darmflora und damit zur Stärkung des natürlichen Immunsystems beizutragen. Die regelmäßige Anwendung von probiotischen Bakterien lässt Darmparasiten gar nicht erst die Möglichkeit, sich ausbreiten und vermehren zu können. Auf keinem mir bekannter Schläge ist die Jungtaubenkrankheit ausgebrochen, obwohl in der direkten Umgebung bis zu 80 % der Züchter davon betroffen waren. Statistisch gesehen mag dies zwar nicht repräsentativ sein, aber sicher auch kaum nur Zufall.

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